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Bei einem Verbot von Kunststofftragtaschen würde man wohl das falsche Schwein schlachten. Für eine differenzierte Betrachtung zahlt es sich aus, sich mit folgenden Fragen und Aussagen auseinander zu setzen:
Was wird den „Plastiksackerln“ vorgeworfen?
‚Plastiksackerl' belasten die Umwelt (ungünstige Ökobilanz):
In Vergleich zu den anderen möglichen Einweg-Produkten hat die Kunststofftragtasche eine zumindest gleichwertige, wenn nicht sogar bessere Ökobilanz. Ressourcenaufwand, Verhalten gegenüber der Umwelt bei der Anwendung und Entsorgungsaufwand sind durchaus ähnlich im Vergleich zu konkurrierenden Produkten.
‚Plastiksackerl’ verursachen sinnlosen Erdölverbrauch:
Die Kunststofferzeugung verbraucht etwa 4 % des geförderten Erdöls. Nur ein geringer Bruchteil davon (1,6 Promille) wird wieder für die Erzeugung von Tragtaschen eingesetzt. Der weitaus größte Teil wird zu Treibstoffen und Heizöl verarbeitet. Jeder Tropfen Erdöl, der nicht zu Kunststoff oder Chemieprodukten verarbeitet wird, wird daher zur Erzeugung von Benzin, Diesel oder Heizöl verwendet und geht somit direkt in die Verbrennung. Der Verzicht auf Kunststoffe würde die Erdölreserven also nicht schonen, sondern nur den Verbrauch verlagern. Zum Beispiel muss Kunststoffmaterial, das nicht im Müll landet und dann als Brennstoff bei der Müllverbrennung fungiert, eben durch reines Heizöl ersetzt werden. Und ohne die Abwärme aus der Müllverbrennung, die als Fernwärme Wohnungen heizt, müsste eben individuell geheizt werden, oft genug mit Ölöfen.
Will man Erdöl einsparen, muss man bei den wesentlichen Anwendungsgebieten, also bei den Treibstoffen und den Brennstoffen zur Erzeugung von Raumwärme, ansetzen. Gerade hier leisten Kunststoffe übrigens einen wertvollen Beitrag zur Eindämmung des ‚sinnlosen’ Erdölverbrauchs: Als Wärmedämmung bei Häusern sparen sie Heizkosten, als leichte Auto- oder Flugzeugbauteile sparen sie Treibstoff und als Verpackungsmaterial (viel leichter als Glas oder Metall) sparen sie Transportkosten.
Das Gegenteil ist also wahr, Kunststoff leistet einen wesentlichen Beitrag zur Ressourceneffizienz.
‚Plastiksackerl’ landen in der Natur und verschandeln diese (Littering):
Österreich ist vielleicht nicht so sauber wie Singapur, insgesamt aber dennoch ein sehr sauberes Land ohne wirklichem Litter-Problem. Die Österreicher sind diszipliniert und die Müllabfuhr funktioniert. Littering hat auch nicht materialspezifische Ursachen, sondern ist vielmehr ein Erziehungsproblem. Wer Kunststoff unachtsam wegwirft, macht das auch mit Papier, Glas oder Metall.
In der Natur brauchen ‚Plastiksackerl’ 300 Jahre bis sie abgebaut werden (Unverrottbarkeit):
Unverrottbarkeit heißt Materialbeständigkeit. In vielen Anwendungsbereichen ist die Unverrottbarkeit die gewünschte Eigenschaft: z.B. bei Bauprodukten, die über Jahrzehnte halten sollen.
Kunststofftragtaschen müssen zwar nicht Jahrzehnte im Gebrauch halten, halten aber dennoch sehr lange. Auch hier ist die Unverrottbarkeit wohl kein Nachteil. Wenn Recycling über mehrere Zyklen laufen muss, braucht man dafür beständiges Grundmaterial. Bei (für österreichische Begriffe) ordnungsgemäßer Entsorgung durch Verbrennung ist es unwichtig, ob das Material verrottbar ist oder nicht. Bei Deponierung – die in Österreich zur Ausnahme geworden ist – verhalten sich die für Verpackungszwecke eingesetzten Kunststoffe neutral.
Übrigens sind auch viele andere Verpackungsmaterialien, z.B. Glas, unverrottbar und jene Werkstoffe, die organisch abgebaut werden, brauchen dazu besondere Bedingungen bzw. sehr viel Zeit. Biokunststoffe müssen aus dem allgemeinen Kunststoffrecycling-Strom separiert werden, sie stören beim Recycling konventioneller Kunststoffe. Biokunststoffe stehen darüber hinaus nicht in ausreichender Menge zur Verfügung, um mengenmäßig tatsächlich ein gleichwertiger Ersatz zu sein. Für sie greifen die Hersteller übrigens unter anderem auf Rohstoffe zurück, die auch als Nahrungsmittel eingesetzt werden könnten, womit sie zumindest derzeit den Hunger in der Welt vergrößern könnten (auch wenn die Österreicher davon nichts spüren würden).
Wieso sind ‚Plastiksackerl’ überhaupt jemals erlaubt worden, wo sie doch nur Nachteile haben?
Nur Nachteile? Kunststofftragtaschen haben vor allem viele praktische Seiten, weswegen sie sich großer Beliebtheit erfreuen:
Wieso wird die Industrie nicht einfach gezwungen, nur Mehrwegverpackungen auf den Markt zu bringen?
Mehrweg mag unter gewissen Voraussetzungen (die derzeit nicht realisierbar sind ) ein geeignetes Konzept zu Ressourcenschonung sein. Aber oft ist Einweg die jedenfalls praktikablere (und daher auch die heute bei den Konsumentinnen und Konsumenten wesentlich beliebtere) Variante. Auch gesundheitliche Aspekte sprechen unter Umständen gegen Mehrweg. Zum Beispiel weist der Verein für Konsumenteninformation bei wiederverwendbaren Taschen darauf hin, dass diese, sollten sie durch Lebensmittelreste verschmutzt werden, eine Brutstätte für Krankheitskeime sind (Konsument 12/2010).
Zur weiteren Lektüre empfehlen wir eine ausführliche Abhandlung zu diesem Thema, die das deutsche Umweltbundesamt zur Verfügung stellt: PLASTIKTÜTEN VERBIETEN?