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Haben wir alle schädliche Chemikalien im Blut?

Die Medien berichten, dass eine Umweltorganisation die Blutproben von Familien auf synthetische Stoffe testen lässt. Es ist davon auszugehen, dass bei diesen Untersuchungen – wie schon bei ähnlichen Aktionen in der Vergangenheit – verschiedene, aus menschlicher Aktivität herrührende chemische Stoffe in extrem geringen Mengen im Blut der Testpersonen gefunden werden. Allerdings sind die zu erwartenden Ergebnisse weder in Hinblick auf die Gesundheit besorgniserregend noch umweltpolitisch in irgendeiner Weise brisant. Sie zeigen in erster Linie lediglich, wozu chemische Analytik heute in der Lage ist.

Biomonitoring, so wird in Fachkreisen die Überprüfung des menschlichen Organismus auf schädliche Einflüsse genannt,  ermöglicht aufgrund des enormen Fortschritts in der analytischen Messtechnik den Nachweis von Stoffen in Blut, Urin, Zellgewebe oder der Muttermilch in so geringen Mengen, dass unser Vorstellungsvermögen schlicht überfordert ist. Mit wenig Aufwand gelingt heute die Bestimmung eines Tropfens eines bestimmten Stoffes in 100.000 Litern einer Flüssigkeit. Letzteres Volumen entspricht etwa dem Fassungsvermögen eines Eisenbahnkesselwagens. Die chemische Analytik ist heute derart weit entwickelt, dass man einen Würfel Zucker in einem Volumen, das dem Bodensee entspricht, auflösen muss, um an die Nachweisgrenze zu stoßen. Die bloße „Anwesenheit“ einer Substanz im Blut sagt jedoch zunächst nichts über ihre Auswirkung auf die Gesundheit aus. Und noch wichtiger: nicht jede feststellbare Veränderung ist gleichzusetzen mit einem Gesundheitsrisiko oder gar mit Krankheit. Um ein Risiko solide bewerten zu können, sind weitere Fakten (z.B. Dosis-Wirkungs-Beziehung) einzubeziehen. Es ist daher nur ein kleiner Teil der Wahrheit, dass der analytische Nachweis bestimmter Stoffe im Blut gelingt.  Aus medizinischer Sicht besteht kein Anlass, sich Sorgen zu machen. Die bisher gefundenen Stoffmengen waren so gering, dass sie auch langfristig nach heutigem Kenntnisstand keine Auswirkung auf die Gesundheit haben.

Oft wird auch die große Zahl der am Markt befindlichen Stoffe ins Spiel gebracht. Mit 30.000 tatsächlich in Verkehr gesetzten Chemikalien, wobei dzt. in etwa 100.000 Chemikalien marktfähig wären, wird eine Unüberschaubarkeit der Situation unterstellt. Vergleicht man dies jedoch mit der Zahl der bisher aufgefundenen, unterscheidbaren chemischen Strukturen, die dzt. laut Chemical Abstracts Services (CAS) bei etwa 26 Millionen liegt, relativiert sich das Verhältnis, denn schon in der Natur selbst kommt eine unüberschaubare Zahl an Stoffen vor. Über deren gesundheitliche Auswirkungen ist das Wissen extrem gering, nur wenn sich Auffälligkeiten zeigen (z.B. Radon aus dem Boden, Arsen im Trinkwasser) wird überhaupt geforscht.

Angesichts dieser Fülle kann es dann passieren, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Vergleicht man aber schlicht die tatsächlich nachgewiesene medizinisch belegbare Bedeutung von Chemikalien in der Umwelt mit anderen gesundheitlich relevanten Faktoren, kommt man zu einem eindeutigen Ergebnis. Wenn man das Risiko in diesem Zusammenhang als eine statistische Verkürzung von Lebenserwartung misst, so kommt unbeabsichtigte Chemikalienbelastung mit deutlich weniger als 1 % verursachtem Verlust an Lebenserwartung als zu vernachlässigende Größe vor. Demgegenüber steht übrigens ein Gewinn an Lebenserwartung durch Produkte mit chemischer Natur (hauptsächlich Arzneimittel) von etwa 35%. Die Hauptverluste an Lebenserwartung werden verursacht durch übermäßige Ernährung, die mit Bewegungsmangel einher geht, das Rauchen von Tabak, der regelmäßige (übermäßige) Genuss von Alkohol und Infektionskrankeiten.

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